validator-payment-public-transport

Datum: 26.03.2024 | Ticketing-Lösungen

Account Based Ticketing: Chancen und Herausforderungen der Ticketing-Technologie

Im deutschen ÖPNV entwickelt sich das digitale Ticketing stetig weiter. Ein aktuell besonders häufig diskutierter Ansatz ist das kontenbasierte oder Account Based Ticketing (ABT). Hier erklären wir, was das eigentlich ist und wie es sich vom Media Based Ticketing unterscheidet. 

ABT in Europa Transport Ticketing Global

Ein Thema, das die Verkehrsbranche derzeit in Deutschland und darüber hinaus intensiv diskutiert, ist Account Based Ticketing (ABT). ABT bezieht sich technologisch darauf, Ticketinformationen nicht mehr auf Chipkarten oder Smartphones zu speichern, sondern kontenbasiert in Hintergrundsystemen. Diese werden dann online zur Fahrausweisprüfung abgefragt.

Im internationalen Kontext beschäftigen wir uns seit mehreren Jahren mit dem Thema. Über die Smart Ticketing Alliance tauschen wir uns mit den europäischen Standardherausgebern und Verkehrsunternehmen aus, bei denen Account Based Ticketing aufgrund der Struktur des ÖPNV schon länger im Einsatz ist. Auch in Deutschland begleiten wir ABT seit vielen Jahren intern und in einzelnen Branchenprojekten. Ein Dokument aus unserem Haus zu ABT und dem Projekt „European Travellers Club“ beispielsweise ist aus dem Jahr 2016. 

Foto: Panel-Diskussion "Ein vereinbarter gemeinsamer Rahmen für interoperables ABT in Europa. Schaffung des gemeinsamen Rahmens, um ABT auf eine internationale Ebene zu bringen" mit Dr. Ralph Gambetta (STA Brüssel), Carme Fabregas (ATM Barcelona, Gianluca Cuzzolin (CNA Venedig) und Nils Zeino-Mahmalat bei Transport Ticketing Global in London.

Mehr über Ticketing in Europa

Unterschied zwischen Account Based Ticketing und Media Based Ticketing

ABT ist eine moderne Ticketing-Methode, die einen anderen technischen Grundsatz verfolgt als das aktuell verwendete Media-Based Ticketing (MBT). Bei MBT, wie es in Deutschland üblich ist, liegen alle Ticketinformationen auf einem Nutzermedium. Das Medium kann sowohl eine Chipkarte als auch ein Smartphone sein. Beim ABT, wie es beispielweise in Großbritannien zum Einsatz kommt, können auch andere Medien zur Nutzung des ÖPNVs berechtigen. Einfach, weil die relevanten Daten nicht auf dem Medium selbst, sondern im Hintergrundsystem liegen. 

2014 hat Transport for London (TFL) gemeinsam mit Mastercard und Visa ein großflächiges ABT-System in der britischen Hauptstadt eingeführt. Seitdem können Fahrgäste den öffentlichen Verkehr nicht nur mit der TFL Oyster-Card, sondern auch mit ihren eigenen Kreditkarten nutzen, ohne einen separaten Kundenvertrag mit dem Verkehrsunternehmen abzuschließen. 

Diese Umstellung ermöglichte neben der zentralen Speicherung und Verarbeitung von Ticketdaten vor allem eine reibungslosere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Verkehrsanbietern in London. Wer hier vorher mit dem ÖPNV unterwegs war, brauchte nämlich beim Wechsel des Verkehrsmittels häufig auch ein neues Ticket. Vor allem in großen Verkehrsregionen sind streckenbasierte Tarife üblich, die oft einen neuen Ticketkauf beim Wechsel des Verkehrsmittels erfordern. Mit der Einführung von Gates, Terminals und Check-In/Check-Out-Systemen wurden diese Tarifsysteme weiterentwickelt. Hier hat ABT das Ticketing flexibler und für Fahrgäste einfacher gemacht. Gleichzeitig hat es die Verwaltung und Integration von Tarifstrukturen verbessert. Im Ergebnis hat London mit ABT eine nahtlose Nutzung des öffentlichen Verkehrs eingeführt und das Tarifsystem auf eine "pay as you go" Lösung umgestellt. 

Herausforderungen bei der Umsetzung von Account Based Ticketing

  1. Eine Herausforderung bei ABT liegt darin, dass es noch kein einheitliches Verständnis gibt. Das betrifft nicht nur die Diskussionen im deutschen ÖPV, sondern auch international. Unterschiedliche Verkehrsunternehmen und Standardherausgeber haben verschiedene Ansichten und Einschätzungen, hauptsächlich aufgrund der unterschiedlichen Umsetzungen, die je nach lokalen Anforderungen entwickelt wurden. 
  2. Ein wichtiger Aspekt von ABT ist eine zuverlässige Internetverbindung mit niedriger Latenzzeit, da die zentrale Datenverarbeitung eine kontinuierliche Onlineverfügbarkeit erfordert. Dies ist Deutschland auch heute noch stellenweise in Ballungsgebieten eine technische Herausforderung. 
  3. Auch auf organisatorischer Ebene gibt es einiges zu beachten, wenn ein ABT-System erfolgreich umgesetzt werden soll. Die bekannten nationalen ABT-Systeme aus der Schweiz und den Niederlanden werden z. B. von einer zentralen Stelle organisiert und den Verkehrsunternehmen technischen zu Verfügung gestellt. Eine enge Zusammenarbeit und die Festlegung gemeinsamer Regeln und Standards zwischen den Akteuren des ÖPNV sind entscheidend. 


ABT oder MBT sind keine Ticketing-Standards, sondern unterschiedliche Wege, Daten zu speichern und zu verarbeiten. Es sind zwei Arten wie Daten gespeichert und verarbeitet werden sollen. Wenn ABT interoperabel bzw. in einem nationalen Kontext mit vielen Vertriebs- und Kontrollpartnern verwendet werden soll, muss dies auf einem gemeinsamen Standard basieren. Im Kontext der VDV-Kernapplikation und ihrer neuen Version 3.0 – genannt: (((etiCORE – würde dies eine Erweiterung der heute bekannten Ausbauvarianten (wie zum Beispiel Elektronischer Fahrschein oder Check-in/Check-out) um entsprechende ABT-Ausbauvarianten bedeuten. Bestehende Prozesse würden um eine onlinefähige Variante ergänzt. 

Allerdings ist der Weg hin zu einem nationalen ABT, in dem das Deutschland-Ticket und weitere bundesweit gültige Produkte ausgeben und kontrolliert werden können, noch sehr weit. Hierzu wird die ÖV-Branche umfangreiche verpflichtende Beschlüsse treffen müssen, die Teile des Vertriebs, wie wir ihn heute kennen, verändern. Als Herausgeber des Ticketing-Standards werden wir diese Diskussion und den Prozess natürlich weiterhin begleiten.

Im folgenden Dokument finden Sie unsere fachliche Einordnung des Themas als Standardherausgeber.

Download Einordnung ABT